Das Tübinger Modellprojekt der Integralen Förderung

Kinder lernen unter normalen Voraussetzungen gemeinschaftsbild_8623b4c3c1sprichwörtlich „kinderleicht“, ganz nebenbei und ohne Anstrengung. Voller Neugier und Motivation entdecken sie die Welt. Entscheidend ist, dass dieser natürliche Erkundungsdrang gefördert und den Kindern im frühesten Alter ein entsprechend anregendes Umfeld geboten wird. Dann eignen Kinder sich sehr schnell neue Fähigkeiten an, insbesondere wenn diese einen direkten Bezug zu ihrer Umwelt und den bisherigen Erfahrungen und Kenntnissen aufweisen.

Meist lassen sich Kinder leicht für Neues begeistern. gemeinschaftsbild__2__01_97965b2dfdUnd je jünger sie sind, umso leichter lernen sie Sprachen. Diese Erfahrung machen alle Eltern, wenn sie die Fortschritte ihres Kindes bei der Aneignung der Muttersprache beobachten. Die besondere Fähigkeit zum Spracherwerb gilt für eine, aber genauso für mehrere Sprachen. Das zeigt sich deutlich bei Kindern aus zweisprachigen Familien oder mehrsprachigen Ländern.

Deutschland ist eine Industrienation in einer gemeinschaftsbild__1__01_e28ed88771globalisierten Welt. Unsere wichtigste Ressource ist die Bildung. Deshalb müssen die naturwissenschaftlich-technische und die sprachliche Bildung besonders gefördert werden, und zwar vom Kleinkindalter an. Es liegt also nahe, beide Themenbereiche im Rahmen einer ganzheitlichen Förderung zu verbinden.

Vor diesem Hintergrund hat das Kinderhaus Französische Allee in Tübingen durch eine Initiative des Fördervereins ein Konzept zur ganzheitlichen Förderung von Kindern realisiert und will auf diesem Wege gleichzeitig auch einen wesentlichen Beitrag zur Sprachkompetenz, interkulturellen Kompetenz und Chancengleichheit in der Bildung leisten.

Damit soll ein Weg aufgezeigt werden, wie einer Mehrklassen-Bildungsgesellschaft entgegengewirkt und praktikable Ansätze im öffentlichen Bildungssystem etabliert werden können. Dies gilt insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Familien.

Ein Konzept – drei Säulen

Als ersten Schritt hat das Kinderhaus im Oktober 2006 ein bilinguales Projekt (Englisch/Deutsch) zur Sprachförderung eingeführt, denn Sprachfähigkeiten sind in unserer Gesellschaft eine Schlüsselkompetenz. Das Sprachkonzept basiert auf dem Konzept der Immersion, welche heute als weltweit erfolgreichste und am gründlichsten erforschte Methode zur Frühvermittlung von Fremdsprachen gilt.

Die Immersion bildet die Grundlage der integralen frühkindlichen Förderung vom Kindergartenalter an. Auf diesem sprachlichen Fundament fußen die thematischen Säulen

– Natur(wissenschaft) & Technik

– Musik & Kunst sowie

– Sport & Bewegung.

Kinder sind die geborenen Forscher. Sie sind neugierig, unvoreingenommen, experimentierfreudig und wollen alles wissen. Dieser Entdeckungsdrang sollte insbesondere im Kindergarten genutzt werden. Davon ist auch Prof. Gisela Lück von der Universität Bielefeld überzeugt: „Bereits im Vorschulalter nehmen Kinder an den Dingen ihrer Umgebung Anteil und versuchen, die Zusammenhänge ihres Umfelds zu ergründen. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass sogar schon bei Drei- bis Fünfjährigen die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für einen Zugang zu naturwissenschaftlichen Phänomenen angelegt sind. Dennoch zeigt sich im deutschen Bildungssystem bei der Heranführung an Themenfelder der unbelebten Natur ein deutliches Defizit, was nicht zuletzt auch in den neuesten Untersuchungsergebnissen der Studie PISA zum Ausdruck kommt.“

Das Pilotprojekt im Kinderhaus reagiert auf diese Defizite. Es will einen zukunftsweisenden Beitrag leisten, der von anderen Kindergärten und Kindertagesstätten aufgegriffen und integriert werden kann. Durch das Engagement der IHK Reutlingen/Tübingen/Zollernalb gibt es eine Kooperation mit der bundesweiten Initiative „Haus der kleinen Forscher“ (BMBF, McKinsey, Helmholtz, Siemens, Hopp-Stiftung), durch welche die Kinder in ihrem „Forscherdrang“ unterstützt werden.

Das Drei-Säulen-Modell soll die Kinder ausgewogen in verschiedenen Bereichen (Musik & Kunst, Naturwissenschaft & Technik, Natur, Sport & Bewegung) fördern und ihnen ihre individuellen Stärken aufzeigen. So können sie sich positiv entfalten und Selbstbewusstsein entwickeln. Von diesen Vorteilen profitieren Kindern aus verschiedenen sozialen Schichten. Die Unterschiedlichkeit der Kinder im Kinderhaus (ca. 25% mit Migrationshintergrund, über 10 Länder sind vertreten) spiegelt die Diversität unserer Gesellschaft wieder. In diesem internationalen Kontext lernen und erleben die Kinder – auch durch die Förderung des Sprachbewusstseins – Akzeptanz und Toleranz gegenüber anderen Kulturen.

Gleichzeitig realisiert das Konzept viele der Forderungen und Elemente des neuen Orientierungsplans für Kindertagesstätten in Baden-Württemberg, wie z. B. die Schaffung eines fließenden Übergangs zwischen Kindergarten und Grundschule oder die engere Zusammenarbeit zwischen Kindergarten, Grundschule und Eltern. Außerdem kann es einen wesentlichen Beitrag zu der in den PISA-Studien geforderten Chancengleichheit in der Bildung leisten.

Ein Roter Faden von der Kleinkindgruppe bis in die Schule

Seit 2008 nimmt die Hügelschule (Grundschule) an dem Modellprojekt teil. Sie führt den bilingual-immersiven Ansatz fort, um einen fließenden Übergang zwischen Kindertagesstätte und Grundschule zu erreichen. Dieser rote Faden ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Die Hügelschule ist eine von drei öffentlichen Grundschulen in Baden-Württemberg, die bilingual unterrichtet, und hat für die Genehmigung des Schulversuches durch das Kultusministerium die entscheidende Pionierarbeit geleistet. Zwei Tübinger Gymnasien haben ebenfalls eine Bewilligung für einen bilingualen Zug (Deutsch/ Englisch) erhalten, einige Realschulen sind aktuell in der Diskussionsphase.

Durch den Anteil von Kindern aus bildungsfernen Familien mit und ohne Migrationshintergrund von über 50% in der Grundschule an der Hügelstraße soll gerade auch denjenigen Kindern eine Chance gegeben werden, deren Elternhäuser keine guten Startchancen bieten können. Entscheidend ist dabei, dass Kinderhaus und Grundschule öffentliche Einrichtungen und für alle Kinder unabhängig von ihrem Sozialstatus zugänglich sind. Ebenso verursacht das Modellprojekt, von der Anschubphase abgesehen, mittel- und langfristig keine wesentlichen Mehrkosten bei den Trägern. Deshalb kann es von anderen Einrichtungen übernommen werden.

Die Partner

Das Modell integrale Förderung wurde in Zusammenarbeit von Kinderhaus, Eltern, der Stadt Tübingen sowie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd entwickelt. Der Antrag zur Fortführung dieses baden-württembergischen Pilotprojekts in der Grundschule wurde vom Kultusministerium bewilligt und wird vom Regierungspräsidium Tübingen unterstützt. Es ist geplant, dass die PH Schwäbisch Gmünd, gegebenenfalls in Kooperation mit weiteren Partnern, das Pilotvorhaben wissenschaftlich begleitet, wodurch die Qualität des Ansatzes permanent überprüft und auf einem entsprechenden Niveau gehalten werden könnte. Weitere Kooperationspartner und unterstützende Institutionen sind das Deutsch-Amerikanische Institut (DAI), die IHK Reutlingen/Tübingen sowie lokale Unternehmen. Das Modellprojekt steht unter der Schirmherrschaft der European School of Business (ESB), eine der renommiertesten und international agierenden Wirtschaftshochschulen in Deutschland, und erhielt auch Unterstützung durch die Europäische Union im Rahmen des SOKRATES/ Comenius-Programms für Sprachassistenzkräfte.